26 -September -2018 - 15:31

"Allahs Sonne über dem Abendland" (Beitrag Nr. 1)

Assalamu alaikum, liebe Besucher und Freunde,

wir wollen gerne mit diesem Beitrag beginnen über das islamische Erbe zu berichten. Hierbei stützen wir uns hauptsächlich auf die Arbeit von Sigrid Hunke (1913-1999), studierte Religionswissenschaftlerin, Philosophin, Psychologin, Historikerin und Germanistin. Ihr Werk (aus dem wir wörtlich zitieren) Allahs Sonne über dem Abendland - unser arabisches Erbe (Fischer Verlag, 6. Auflage 2009) wurde in mehrere Sprachen übersetzt und genießt internationale Anerkennung.

Das Buch ist wissenschaftlich akribisch und berichtet von der Entwicklung des arabischen Zahlensystems bis hin zu Krankenhäusern und Ärtzen, wie sie die Welt damals noch nicht sah.

Sigrid Hunke räumt zwei Vorurteile der Geschichtsschreibung aus: das Abendland ist nicht nur Erbe der Kultur Griechenlands und Roms, sondern auch der islamischen Geisteswelt.

Beitrag Nr. 1: S. 191 f. (wörtlich zitiert)

Man schreibt das Jahr 1000.

Soeben hat in Bagdad der Buchhändler Ibn an-Nadim seinen „Katalog der Wissenschaften“ veröffentlicht. Das Werk enthält in zehn Bänden die Titel aller bisher in arabischer Sprache erschienenen Bücher aus Philosophie, Astronomie, Mathematik, Physik, Chemie, Medizin.

Studierende aus allen Gegenden des Orients und selbst aus dem Okzident lockt der Ruf von Cordobas hohen Schulen und von seiner Bibliothek, deren halbe Million Bücher einer der gelehrtesten Männer seiner Zeit, der vor vierundzwanzig Jahren verstorbene Kalif al-Hakam II. durch Dutzende von Aufkäufern gesammelt und größtenteils mit seinen Randbemerkungen versehen hat.

In Kairo betreuen mehrere hundert Bibliothekare in den beiden kalifischen Bibliotheken zusammen zwei Millionen zweihundert Bände; das entspricht dem Zwanzigfachen des Bestandes an Buchrollen der einstigen Bibliothek von Alexandrien.

„Es ist notorisch, daß es in Rom niemand gibt, der so viel Bildung besitzt, daß er sich zum Türsteher eignet. Mit welcher Stirn kann der sich anmaßen zu lehren, der selbst nichts gelernt hat!“ stöhnt der Mann, der am besten wissen muß, Gerbert von Aurillac, der im letzten der tausend Jahre nach Christo – 999 – selber in Rom den Stuhl Petri besteigt.
In diesem Jahr verfaßt Abulkasis das durch Jahrhunderte gültige Standardwerk der Chirugie, erörtert Albiruni, an universaler Geistigkeit der Aristoteles der Araber, die Drehung der Erde um die Sonne, entdeckt Alhazen die Gesetze des Sehens und experimentiert mit der camera obscura und mit sphärischen, zylindrischen und konischen Spiegeln und Linsen.

In diesem Jahr, in dem die arabische Welt dem Scheitelpunkt ihres goldenen Zeitalters entgegeneilt, erwartet das Abendland erschreckt, geängstigt das Ende der Zeiten. Mit dem ekstatischen Ausruf: „Jetzt kommt Christus, mit Feuer das Weltall zu richten!“ pilgert der zwanzigjährige Kaiserjüngling Otto III. „wegen begangener Verbrechen der strengen Regel des heiligen Romualdus gehorchend mit nackten Füßen von der Stadt Rom zum Berge Garganus“.

Und der junge Avicenna, eben zwanzigjährig wie er, beginnt die Welt mit seinem weithin strahlenden Ruhm zu erfüllen.


[Bildunterschrift: Der Stern der arabischen Chirurgie Abulkasis gab den abendländischen
Chirurgen die so dringend benötigten Operationsbestecke]

Bildquelle: Arabische Operationsbestecke (aus einer Abulqasim-Handschrift) aus: Walter von Brunn. Kurze Geschichte der Chirurgie. S. 126, Abb. 114, Verlag Julius Springer, Berlin 1928.