14 -December -2017 - 08:00

Die spirituelle Kette unserer Tradition (Reflexionen des HDI-Seminars)

Liebe Geschwister, assalamu alaikum,

wie ihr mitbekommen habt besuchte eine Reisegruppe der Islamischen Akademie am letzten Wochenende das Madrasah-Seminar. alHamdu lillah!

Der diesjährige Special Guest und Hauptreferent war Shaykh Yahya Rhodus.

 

 

Er nahm mit 19 Jahren den Islam an. Er traf relativ früh Shaykh Hamza Yusuf und genoss viele seiner Vorlesungen. In seinem Dursten und wahrhaftigem Streben nach dem traditionellem Wissen über die Religion Allahs und dem Erbe des Pfades unseres Meisters Muhammad (Möge Allah ihm Salah und Frieden schenken) verließ er die Staaten um die nächsten Jahre in West-Afrika, Mauretanien unter der Obhut des großartigen Shaykh Muhammad bin Salik bin Fahfu, bekannt als Murabitu l-Haj erzogen und belehrt zu werden. Er bereiste die erleuchtete Stadt Tarim, im süd-östlichen Jemen und verbrachte dort mehrere Jahre seines Lebens mit den größten der ansässigen Gelehrten. Wenn ihr mehr über sein Leben wissen wollt, dann liest euch seine Biografie durch, die ihr im Anhang findet. Was ich aber nun probieren will ist, meine Impressionen dieser drei Tage in einigen Absätzen zusammenzufassen um sie mit euch zu teilen. Eventuell ist Gutes drin.

Die islamische Gelehrsamkeit gleicht einer langen Lichterkette, die sich durch die Generationen zieht bis hin zum Gesandten Allahs (Möge Allah ihm Salah und Frieden schenken), welcher wiederum in Verbindung mit dem Engel Gabriel steht, der wiederum mit Allah in Verbindung steht - der Lichtquelle par excellence.

اللَّـهُ نُورُ السَّمَاوَاتِ وَالْأَرْضِ
Allah ist das Licht aller Himmel und der Erde [24:35]

Also nochmal umgekehrt: Allah offenbart Seinem Gesandten (Möge Allah ihm Salah und Frieden schenken), durch Gabriel als Mittler. Der Gesandte (Möge Allah ihm Salah und Frieden schenken) überbringt die Botschaft und lebt sie vor. Die Botschaft wird weitervererbt, denn wir wissen dass die Gelehrten, die Erben der Propheten sind, wie es im Sahih-Hadith überliefert ist.

Shaykh Yahya erwähnte letztes Wochenende in einem Vortrag, dass der Schüler 3 Dinge vom Lehrer erbt:
1. Das Wissen
2. Das Verständnis
3. Den Zustand.
[al ʿilm wa l-fahm wa l-ḥāl]

Diese Einführung hilft beim Verständnis der nächsten Absätze.
Ich spürte bei Sidi Yahya ein leuchtendes Erbe. Wissen, Verständnis und Zustand sind in einer harmonischen Balance zueinander und diesem Mann gelingt es eine Brücke zu bauen, zwischen den spirituellen Lehren [taṣawwuf] der großen Meister, wie Imam al Ghazali und Imam al Haddad, und dem gegenwärtigen, realen Zustand der Menschen. So schafft er Identifikation, was für das Streben nach Etwas (egal was) fundamentale Wichtigkeit hat, denn erst die Identifikation führt zur intrinsischen Motivation.

Wir lasen gemeinsam mit ihm das Büchlein „Das Benehmen der Gottessucher“ [Adāb Sulūk al Murīd] von Imam al Haddad, kamen in den 3 Tagen (Freitagabend bis Montagmittag) aber nur bis zur zehnten Seite der 55 Seiten. Shaykh Yahya nahm uns die Verwunderung über diesen langsamen Fortschritt, in dem er sinngemäß sagte: „Das ist kein Buch das man liest, sondern eins das man lebt.“ Und erklärte uns im Folgenden, dass unsere Religion nicht in den Lektüren zu finden sei, sondern in unserem Herzen. Religion ist ein Lebensweg den man beschreitet, ein Lifestyle und man sollte wissen >>wie<< man lebt.
Unsere Religion ist also praktisch, alltäglich, umfassend?! Das bedeutet unsere Religiosität äußert sich nicht nur in ritueller Verrichtung von Gebeten und Einhaltung von Gesetzen und Normen, sondern auch in unserer persönlichen Beziehung zu allen Menschen, die die uns sympathisch oder eher unsympathisch sind, im Umgang mit denen von denen wir konkreten Profit erhoffen und denen bei denen wir es nicht tun. Mein Umgang mit dem Bettler in der U-Bahn ist genauso maßgeblich wie mein Umgang mit meinem Uni-Professor oder Firmenchef, wenn nicht gar maßgeblicher. Unser Umgang mit Fauna und Flora, mit Vergangenheit und Zukunft, mit dem Sichtbaren und Unsichtbaren, all diese Beziehungen sind Äußerungen unserer Religiosität.
So dehnt sich die Religion zu einem holistischen Lebensprinzip aus, der Islam wird zu einem integralen System. So mancher Philosoph der integralen Theorie könnte nun neidisch werden.

مَّا فَرَّطْنَا فِي الْكِتَابِ مِن شَيْءٍ
Wir haben im Buch nichts ausgelassen [6:38]

Des Weiteren sprachen wir über die Sehnsucht nach Gott und dem Jenseits, der Reue und wie man sich den Brisen der Barmherzigkeit Gottes aussetzt. Ich wag mich nun nicht daran diese Lektionen in Worte zu fassen und erinnere mich an einen Aphorismus den ich des Öfteren hörte:„ Diese Lehren nimmt man von den Herzen auf und nicht aus den Schriften.“ (frei wiedergegeben)

Shaykh Yahya erinnerte uns an die Aussage des Imam Maliks in der er die Beschaffenheit des Wissens wie folgt beschrieb: „Wissen besteht nicht aus dem Memorieren zahlreicher Überlieferung, vielmehr ist es ein Licht, welches Gott in das Herz Seines Dieners (bzw. des Gläubigen) setzt.“

Würde Shaykh Yahya diesen Artikel mit dem Lob seiner Person lesen, würde seine Bescheidenheit ihn vermutlich nicht zulassen. Aber es geht mir nicht um Lob, sondern um Dankbarkeit, dafür dass er den Segen dieser spirituellen Kette der Gelehrsamkeit mit uns teilte und uns Einblicke in die tiefen Dimensionen der islamischen Lehre schenkte. Der Dank ist weiterzuführen an das Madrasah-Team, das sich dafür engagiert diese Traditionen im deutschsprachigen Raum zugänglich zu machen und somit „(D)ein Tor zum Wissen“ bildet. Der Dank ist jedem einzelnen Gelehrten zu zollen, dessen Lebensaufgabe es war das islamische Erbe zu bewahren und weiterzutragen. Der Dank geht an Imam Malik und an Imam al Ghazali, an Imam asch Scharani und an Imam al Haddad und an alle anderen Erben des Propheten. Möge Allahs Barmherzigkeit sie umhüllen.

Auf dass Allah uns am jüngsten Tag mit ihnen in der Präsenz
ihres Meisters Muhammad versammelt.

Al Fatiha.

Autor: Daniel El Agha


L I N K S:

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